Dies ist ein Gastbeitrag von Carla. Besucht sie auf http://goldcarlchen.wordpress.com/
Es war irgendwann Mitte der neunziger Jahre. Meine Schwester und ich waren zusammen in der Küche, haben die Geschirrspülmaschine ausgeräumt und dabei Radio gehört. Und da lief dann ein Song, der damals immer wieder gespielt wurde: “Herz an Herz” von Blümchen. Nicht gerade die Art Musik, die ich gerne hör(t)e. Aber nicht nur aus diesem Grund ging mir der Titel wahnsinnig auf die Nerven. Ich war der Meinung, dass die Sängerin keine bemerkenswert gute oder außergewöhnliche Stimme hatte. Es hat mich geärgert, dass sie so erfolgreich war. Zu meiner Schwester sagte ich, so singen könnte ja jede(r). Als Reaktion hatte ich soetwas wie “Genau, die hat’s nicht drauf” erwartet. Stattdessen fragte sie, ob ich es denn besser können würde. Naja, ich war der Überzeugung, es mit der richtigen technischen Unterstützung mindestens ebenso gut machen zu können. “Dann mach halt!”, sagte meine Schwester.
Damit hat sie mich zum Nachdenken gebracht. Warum regte ich mich eigentlich so sehr über die Stimme und den Erfolg von Blümchen auf? Bald war mir klar, dass ich in gewisser Hinsicht wohl etwas neidisch war. Ich habe damals selbst sehr gerne gesungen und träumte auch manchmal von einer Karriere im Showbusiness. Aber konnte ich wirklich genauso gut bzw. besser singen? Und hatte meine Schwester nicht vollkommen Recht mit ihrer Bemerkung? Wenn ich wirklich überzeugt davon war, ebenso gut singen zu können, warum versuchte ich dann nicht, damit erfolgreich zu sein wenn ich es wollte?
Aus meinen Überlegungen ließ sich nur eine Konsequenz ziehen. Ich musste es halt machen. Also habe ich am nächsten Tag in der Schule meinen Musiklehrer gefragt, ob er mir eine/n Gesangslehrer/in empfehlen könnte. Er konnte. Und wenige Tage später hatte ich meine erste Gesangsstunde.
Eine erfolgreiche Popsängerin bin ich nicht geworden. Auch gehöre ich nicht zur ersten Besetzung eines erfolgreichen Broadway Musicals (obwohl das definitiv ein Traum von mir war). Meine erste Gesangslehrerin war Opernsängerin und so legte ich mit der ersten Gesangsstunde die Weichen in Richtung einer klassischen Gesangsausbildung.
Durch die Bemerkung meiner Schwester, ich sollte nicht lange herumreden, sondern selbst Initiative ergreifen, wenn ich etwas wirklich wollen würde, habe ich damals zwei neue Seiten an mir entdeckt. Zum einen, dass in mir eine wahnsinnig volle und weibliche Stimme steckte und zum anderen, dass ich eine ganze Menge erreichen konnte, wenn ich die Dinge einfach nur anging.
Ein erster Schritt kann eine Menge ins Rollen bringen!
Meine erste Gesangsstunde liegt nun über zehn Jahre zurück. Ich bin keine große Operndiva geworden, und werde es auch nie sein. Die begonnene Gesangsausbildung hat in der Entwicklung meiner Persönlichkeit aber eine große Rolle gespielt. Ebenso wie das gemeinsame Geschirrabtrocknen mit meiner Schwester und ihre Bemerkung. “Dann mach halt” ist seitdem in gewissem Sinne die Maxime meines Handelns geworden. Wenn ich mich beim Tagträumen erwische, oder denke, dies oder jenes würde ich gerne tun, dann stelle ich mir die Frage, was mich denn eigentlich daran hindert es zu tun. Oft wird mir klar, dass die (eventuell) vorhandenen Hindernisse zu überwinden sind. Mal ist das einfach, mal stellt es sich als schwierig heraus. Das wichtigste ist aber in jedem Fall, diesen ersten Schritt zu gehen. Auch wenn man manchmal noch gar nicht weiß, wie es dann weitergehen soll. Denn nach dem ersten Schritt tun sich meist neue (ungeahnte) Möglichkeiten auf.
Mit diesem Prinzip habe ich in der letzten Dekade schon eine Menge erreicht. Zum Beispiel meine Magisterprüfungsphase erfolgreich von neun auf sechs Monate verkürzt. Und ich habe den Mann erobert, auf den ich schon seit Jahren ein Auge geworfen hatte. Zwar hat der sich dann als alles andere als mein Traumprinz herausgestellt, aber wäre ich die Sache nicht aktiv (und recht offensiv) angegangen, dann würde ich ihn wohl heute noch anhimmeln, mich fragen ‘was wäre wenn’ und dabei eine Menge anderer toller Männer übersehen…
“Es gibt nichts Gutes, außer man tut es”. Ich habe die Zeichensetzung in diesem Zitat von Erich Kästner leicht verändert, damit es zum Ausdruck bringt, was meine Schwester mir damals empfohlen hat: Dann mach halt!