Heute ist mir mal wieder der neudeutsche Ausdruck “Work-Life-Balance” untergekommen, und ich habe mich – wie immer – sehr darüber gewundert. Denn eigentlich sagt der Begriff ja, dass Arbeit und Leben zwei getrennte Dinge sind, die man irgendwie ins Gleichgewicht bringen sollte. Aber Arbeit – wenn man denn welche hat – ist doch ein Teil des Lebens. Wie Essen oder Schlafen. Es gibt doch auch keine Sleep-Life- oder Eat-Life-Balance (oder habe ich einen Trend verpasst)?
Das ist für mich ziemlich offensichtlich, aber, wie gesagt, es gibt genug Leute, die diesen Begriff benutzen. (Bei einem ehemaligen Arbeitgeber gab es auch viele Arbeitsgruppen und Workshops dazu – ohne natürlich, dass es irgendeine messbare Verbesserung der Arbeitsbedingungen nach sich gezogen hätte.)
Ich finde den Ausdruck jedenfalls blöd, weil er für mich suggeriert, dass Arbeit etwas anderes ist als Leben, dass dieser Zustand auch ganz normal ist und man nur versuchen muss, das Leben und das nicht-Leben (also arbeiten) ein bisschen auszugleichen.
Aber ich kann nicht akzeptieren, dass mein “eigentliches” Leben erst anfängt, wenn ich das Büro verlasse! Dass ich jede Woche 37,5 Stunden (und ich habe ja noch Glück, dass es bei mir im Moment nicht mehr ist) von dem einen Leben, was mir geschenkt wurde, wegschmeisse? Dass ich nur auf den Abend/das Wochenende/die Ferien/die Rente warte, bis ich anfange, wirklich zu leben? Oder dass ich meine Lebenszeit opfere, damit ich mir dann eine teurere Wohnung/ein schnelleres Auto/ein schickeres Outfit kaufen kann?
Bis es ganz vorbei ist, will ich auch ganz leben, egal, ob es jetzt Arbeits- oder FreiZeit ist. Das heisst übrigens nicht, dass im Job immer alles toll sein muss. Das ist es ja zum Beispiel auch in den Ferien nicht immer. Aber wenn:
- ich mich nur noch schäme, für meinen Arbeitgeber tätig zu sein,
- ich das Gefühl habe, ich muss meine Persönlichkeit unterdrücken,
- ich merke, dass ich mich in keiner Weise weiterentwickeln kann,
- ich meine Freizeit dann damit verbringe, mich über meinen Job zu ärgern,
- es mir durch den Stress körperlich richtig schlecht geht,
dann muss ich kein “Work-Life-Balance” Programm anfangen. Sondern einen neuen Job finden.